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Rostock hat sich in den letzten Jahren zu einem deutschlandweit führenden, auch international anerkannten Zentrum der demographischen Forschung entwickelt. Entscheidend dazu beigetragen haben das „Max-Planck-Institut für demografische Forschung“, demographische Forschungsschwerpunkte an der Universität Rostock sowie Kooperationsprojekte beider Institutionen. Trotz vielversprechender Ansätze fand die Historische Demographie hingegen in Rostock, wie in Deutschland allgemein, vergleichsweise wenig Beachtung – gerade auch verglichen mit dem europäischen und amerikanischen Ausland, wo ihre Institutionalisierung teilweise weit fortgeschritten ist. Die bislang geringe Beachtung, die der Historischen Demographie in Deutschland zuteil wurde, ist bedauerlich – trägt doch die Kenntnis der langfristigen geschichtlichen Entwicklung und Bedingtheit von Bevölkerungsentwicklungen wesentlich zu deren Verständnis bei. Zudem ist die Historische Demographie ein hochgradig interdisziplinär angelegtes Fach, von dem wesentliche Impulse auch für andere Disziplinen ausgehen können.
Hier setzt das Landes-Exzellenzprojekt „A History of Aging Societies – Rostocker Forschungsverbund demographische Forschung“ an: Es untersucht den demographischen Wandel in einer breiten historisch-demographischen Perspektive. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Demographie und Geschichtswissenschaften ermöglicht es dabei, die demographischen Strukturen und Wandlungsprozesse der mecklenburgischen Gesellschaft im 19. Jahrhundert umfassend zu untersuchen – womit ein wesentlicher Beitrag zur Erforschung der Sozialstruktur von Mecklenburg-Vorpommern in historischer Perspektive geleistet werden soll. Das Projekt baut dabei auf den Ergebnissen des Vorgängerprojekts „Mecklenburg in der demographischen Transition des 18. und 19. Jahrhunderts“ auf, erweitert dieses aber in Fragestellungen und Datenbasis.
Der Schwerpunkt der Forschungsaktivitäten liegt zunächst auf Mecklenburg-Vorpommern. Dieses gehört zu den am stärksten alternden Regionen Deutschlands – es wird daher oft als Laboratorium bezeichnet, in dem die mit der Bevölkerungsalterung verbundenen Probleme früher und stärker auftreten werden als in anderen Bundesländern. Langfristig sollen jedoch, gegebenenfalls in Nachfolgeprojekten, auch zusätzliche Datenbestände aus anderen Bundesländern und weitere Themenfelder der Historischen Demographie erschlossen werden, um so den Forschungsverbund national wie international zu vernetzen und die historisch-demographische Forschung in Mecklenburg-Vorpommern durch Bündelung von Kompetenzen und Ressourcen zu einem international anerkannten Forschungsschwerpunkt mit Alleinstellungsmerkmal in Deutschland auszubauen
Das Landes-Exzellenzprojekt wird als Kooperationsprojekt des „Lehrstuhls für empirische Sozialforschung und Demographie“ der Universität Rostock, des „Max-Planck-Instituts für Demografische Forschung“ sowie des „Arbeitsbereichs Multimedia und Datenverarbeitung an der Universität Rostock“ durchgeführt. Es besteht aus drei Modulen:
 | Rekonstruktion der Bevölkerungsbewegung während der demographischen Transition im 19. Jahrhundert am Beispiel der Hansestadt Rostock (Modulverantwortlicher: Dr. Rembrandt Scholz)
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 | Die historische Entwicklung der Sterblichkeit in Mecklenburg (Modulverantwortliche: Prof. Dr. Gabriele Doblhammer-Reiter)
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 | Grundlagen des demographischen Wandels in Mecklenburg: Historische Analysen der Volkszählungen in Mecklenburg-Schwerin von 1819 und 1867 (Modulverantwortlicher: Prof. Dr. Stefan Kroll)
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Im ersten Modul werden für den Zeitraum des 19. Jahrhunderts individuelle Daten der Bevölkerung Rostocks aus historischen Volkszählungen, Kirchregistern und Friedhofslisten gesammelt, um daraus Sterbetafeln der Hansestadt Rostock zu erstellen. Das Projekt erschließt damit originäre Grundlagen für historische demographische Forschung. Zunächst werden die Daten der Jahre um den Zeitpunkt der Volkszählungen von 1819, 1867 und 1900 gesammelt. Zur Einschränkung des Datenumfanges werden zunächst nur die Daten der Jacobi-Kirchgemeinde erhoben. Mit der Rostocker Datenbasis entsteht eine Quelle, an der methodische Verfahren wie „Record Linkage“ getestet werden können. Darüber hinaus wird sie künftig zur akademischen Ausbildung in Historischer Demographie genutzt.
Ziel des zweiten Moduls ist die Analyse der historischen Sterblichkeitsverhältnisse Mecklenburg-Vorpommerns. Für das bundesdeutsche Gebiet wurden bereits regionale Sterblichkeitsunterschiede gezeigt. Sollte sich auch für die Mecklenburgische Region zeigen, dass die Lebenserwartung im Vergleich zu anderen Gebieten bereits in der Vergangenheit gering war, könnte sich dies als sehr produktiv für das Verständnis und die Analyse heutiger Gegebenheiten erweisen. Da es für die Zeit vor dem 20. Jahrhundert keine der heutigen Bevölkerungsstatistik vergleichbare Datenbasis gibt, kann ein solches Vorhaben nur durch ein Aufarbeiten und Verknüpfen verschiedenster Quellen und Indikatoren durchgeführt werden. Dabei schließen sich die Arbeiten direkt an die im Pilotprojekt erfolgten Vorarbeiten an. Dazu werden die Volkszählungsdaten mit entsprechenden Sterbefalldaten, die für einige Jahre vorliegen, in Verbindung gebracht und entsprechend ausgewertet. Für einen Vergleich der Sterblichkeits- und Gesundheitsverhältnisse werden vor allem die medizinisch-topographischen Atlanten ausgewertet, die ebenfalls während des Pilotprojekts aufbereitet und bezüglich ihrer Nutzbarkeit für historisch-demographische Arbeiten analysiert wurden. Darüber hinaus sollen neue Datenquellen erschlossen werden (Kirchenbücher der Stadt Rostock und Begräbnislisten des Alten Friedhofs der Stadt Rostock), die weitere Indikatoren über die Mortalitätsbedingungen der mecklenburgischen Bevölkerung erbringen. Besonders interessant ist dabei die Verknüpfung der Sterblichkeitsentwicklung mit bereits existierenden Ausarbeitungen zu den Wanderungsbewegungen in Mecklenburg, da Auswanderungsregionen in der Regel immer eine höhere Sterblichkeit aufweisen als Zuwanderungsgebiete. Auch hier könnte ein in der Geschichte der Region verankerter Schlüssel für das Verständnis des heutigen Mortalitätsniveaus liegen.
Die vorrangige Aufgabe des dritten Projektmoduls besteht zunächst darin, die eingescannt vorliegenden Formulare der Mecklenburg-Schweriner Volkszählung von 1867 in Datenbanken einzuspeisen, zu korrigieren und zur statistischen Verwertung aufzuarbeiten. Aufbauend darauf werden im Projekt die längerfristigen demographischen Trends sowie die diesen zugrunde liegenden Faktoren analysiert und interpretiert. Im Rahmen der Auswertung werden insbesondere die Daten der Volkszählung von 1867 mit Hilfe statistischer Verfahren analysiert und mit den Ergebnissen zur Volkszählung von 1819 verglichen. Dazu werden Vergleiche der Städte Rostock, Schwerin, Parchim, Güstrow, der Kleinstadt Kröpelin, der Ämter Ribnitz und Schwerin sowie der ländlichen Regionen um die Städte Rostock, Parchim, Güstrow und Wismar durchgeführt. Leitende Fragestellungen sind insbesondere die nach (der Entwicklung) der Bevölkerungs- und Haushaltsstruktur, der Verteilung von Berufsgruppen sowie der Alters- und Geschlechterverteilung.
Im Pilotprojekt wurde das Internetportal „Historische Demographie“ www.mecklenburg-demographie.de erstellt, auf dem die Projektergebnisse veröffentlicht wurden. Aufbauend auf dieser Website wird im Rahmen des Landesexzellenz-Projekts ein weiteres, deutlich erweitertes Portal www.histdem.de zur Historischen Demographie entstehen. Zudem wird Prof. Gyula Pápay, eine führende Kapazität auf dem Gebiet Historischer Informationssysteme, ein öffentlich zugängliches Geographisches Informationssystem für die Website erstellen, das die räumliche Visualisierung der Projektergebnisse ermöglichen wird.
Das Landes-Exzellenzprojekt ist befristet bis zum 31. Dezember 2010. Das Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert das Projekt mit einem Betrag von 180.739.- Euro; die Universität Rostock unterstützt das Projekt zusätzlich mit Mitteln in Höhe von 15% der Landesunterstützung. Kooperationspartner des Projekts ist das Landeshauptarchiv Schwerin.
Kontakte:
Dr. Rembrandt Scholz (Projektverantwortlicher)
Max-Planck-Institut für Demografische Forschung
Tel.: +49 381 2081164
Fax: +49 381 2081464
E-Mail: scholz [at] demogr.mpg.de
Peter Mantel (Projektkoordinator)
Arbeitsbereich Multimedia und Datenverarbeitung in den Geisteswissenschaften
Philosophische Fakultät (Universität Rostock)
Tel.: +49 381 4982682
Fax: +49 381 4982720
E-Mail: peter.mantel [at] uni-rostock.de
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